Viktorie Svihlikova

20.5. 1915 – 11.8. 2010

„Klaviermutti“, so nannte ich sie in all den Jahren und so bezeichnete sie sich gern selbst in meiner Gegenwart. Ich habe Viktorie 1990 kennengelernt und durfte nach einem Vorspiel ihre Schülerin werden. Bei unserem ersten Treffen war ich unwahrscheinlich aufgeregt. Viktories überwältigende Ausstrahlung und künstlerische Größe waren für mich sofort spürbar. Ich spielte meine vorbereiteten Stücke und beantwortete die Fragen, die sie mir stellte. Anschließend schickte sie mich mit dem Satz: „Ich werde mich melden“, nach Hause. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, dass sie mich unterrichten möchte. Ich war überglücklich – wohl wissend, dass sie nur wenige Schüler annahm. In den ersten neun Monaten bei meiner neuen Lehrerin absolvierte ich ausschließlich Finger- und Klangübungen. Erst dann erarbeitete ich mein erstes Stück mit ihr, einen Chopin-Walzer. Viktorie war eine strenge, aber immer motivierende und aufbauende Didaktikerin. Sie war mir in jeder Hinsicht ein Vorbild, nicht zuletzt in menschlichen Belangen. In meinen schwierigen Lebensphasen versuchte sie immer zu helfen und erzählte mir von den Hürden ihres eigenen Lebens. Viktorie sprach mir stets Mut zu. Sie glaubte immer an mich, und auch an mein Spiel. Meine Art Klavier zu spielen, diese besondere Klang- und Spielweise, habe ich von ihr gelernt. Durch ihr pädagogisches Vorgehen prägte sie aber auch meinen Zugang zu den von mir gespielten Werken und deren Geschichte. Dasselbe gilt für meine Fähigkeit, eigene Interpretationsvorstellungen zu entwickeln, was ihr sehr wichtig war. Sie hatte kein einfaches Leben, und es gibt nur wenige Menschen, die mit solch einer Geschichte so „groß“ werden und dies auch mit Freude und Energie bleiben können. Viktorie jedoch war eine Grande Dame, konnte sich über Kleinigkeiten freuen wie ein Kind und war immer optimistisch. Wie oft war ich zugleich fassungslos darüber, dass eine so kleine und betagte Person solche Töne am Klavier zaubern konnte! Ich bin sehr glücklich, dass ich Viktorie Svihlikova kennen und erleben durfte. Ich werde die jährlichen Muttertagstelefonate mit ihr vermissen. Und dann im Herzen ihrer gedenken!